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Wegwerfschmerz

Heute möchte ich wieder zwei Zitate gegenüberstellen. Wieder zurück zum Hunger auf der Welt, und dazu dass alle fünf Sekunden ein Kind unter 10 Jahren daran stirbt. 1… 2… 3… 4… 5… jetzt. Zuerst ein Zitat von We Feed The World und anschließend ein Gastbeitrag einer guten Freundin, die durch Artikel auf dieser Seite selbst zum Schreiben motiviert wurde. (Geht’s dir auch so? Kontaktier mich! :)

“Ein Viertel des Restmülls in Wien besteht aus unverbrauchten Lebensmitteln, der Großteil davon wäre noch für den Verzehr geeignet. Gleichzeitig wächst die Zahl der Hunger leidenden Menschen weltweit stetig an: 852 Millionen Menschen leiden Hunger, die meisten davon in Afrika und Lateinamerika. Aber auch in reichen Industriestaaten hungern immerhin rund 10 Millionen. Mehr als fünf Millionen Kinder sterben jährlich an Unterernährung” (Quelle)

“Tag für Tag wird in Wien gleich viel Brot entsorgt, wie Graz verbraucht.”

Gastbeitrag zu “Wegwerfschmerz”:

“Nicht erst seit „We feed the World“ finde ich den Gedanken daran, wie viele Lebensmittel jeden Tag weggeworfen und vernichtet werden, schrecklich. Ich spreche hier hauptsächlich, aber nicht nur, von dem, was in Geschäften am Ende des Tages bzw. des Verfallsdatums übrig bleibt. Dazu kommen alle Lebensmittel, die in jedem einzelnen Haushalt im Mistkübel landen.
Ich war immer schon sehr darauf bedacht, nicht zu viel „Unnötiges“ zu kaufen und mir vorher zu überlegen, was ich kochen will und dann die passenden Zutaten zu kaufen. Noch eine gute Sache: Restln verkochen! Wer dafür Tipps braucht, soll sich an meine Mutter wenden!

Während meiner Tätigkeit als Verkaufs-Aushilfe bei einer bekannten Bäckerei habe ich live mitbekommen, wie viel Gebäck und Mehlspeisen bis Geschäftsschluss nicht verkauft werden und zurück an die Zentrale geschickt werden (wer glaubt, die glücklichen Mitarbeiter können am Ende des Tages davon profitieren, irrt gewaltig – hier wird nichts verschenkt!) – und dann größtenteils einfach vernichtet werden.

Anderes Beispiel – Bananen: Mir ist beim Besuch einer bekannten Supermarktkette nun schon öfter aufgefallen, dass alle angebotenen Bananen braun und matschig waren. Das ist an und für sich ja kein Problem, sie sind ja trotzdem noch genießbar, allerdings kauft natürlich niemand braune, matschige Bananen zum selben Preis, den er auch für frische, gelbe Bananen zahlen würde. Anstatt also die alten Bananen günstiger zu verkaufen, wirft sie der Supermarkt lieber weg.
Das Beispiel gilt leider für so viele verschiedene Produkte.

Es gibt in Wien sehr viele kleiner Bio-Läden (zum Beispiel im 7. Bezirk), von denen einige die, wie ich finde, grandiose Angewohnheit haben, verderbliche Lebensmittel nach „frisch“ und „schon etwas älter“ zu sortieren und auch mit verschiedenen Preisen zu verkaufen. Hier wieder das Beispiel Bananen, die ich als Zutat für Muffins verwenden wollte. Dazu brauche ich keine schönen gelben Bananen, die können ruhig schon ein bisschen braun und matschig sein, dafür zahle ich auch weniger. Die Muffins sind dann gut fürs Herz :)

Ich frage mich, was dagegen spricht, Produkte, die am nächsten Tag keiner mehr haben will, am selben Tag, noch günstiger verkaufen zu wollen anstatt sie wegzuwerfen?”

PS: DU kannst DICH ändern. MACH ES ANDERS!

Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.

http://www.flickr.com/photos/breadfortheworld/4995426753/Was heißt das? Das heißt, dass genug Essen da ist, und die Hungernden es nicht bekommen. Wir bringen diese Menschen also wissentlich um. Oder?

Die Weltlandwirtschaft könnte heute problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. (Auf der Erde leben rd. 7 Mrd. Menschen.) Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind, jeden Tag sterben 100.000 Menschen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen.

Von den 7 Mrd. Menschen sind 17% dauerhaft unterernährt, sie hungern. Andererseits sind unter uns 11% von Übergewicht und Fettleibigkeit betroffen. Paradox! Wie kann das sein?

“Beide Zahlen stiegen zuletzt an, wobei Übergewichtigkeit in den reicheren Regionen immer mehr zu einem Armutssymptom wird, wenn sich viele Menschen “gesunde” Ernährung schlicht nicht mehr leisten können.” (aus: Unser kleines Dorf)

Dazu eine Szene aus dem Film Food, Inc., indem eine Mutter – aus einer unteren Einkommensschicht in den USA – während der Begutachtung des Gemüse im Supermarkt sowie bei der Bestellung bei Burger King erklärt:

“Wenn du mit einem Dollar zwei Kinder satt kriegen musst, gehst du entweder ins Geschäft und suchst was Billiges oder du kaufst ihnen gleich zwei kleine Hamburger. Das macht sie satt, im Gegensatz zu der einen Sache aus dem Supermarkt.” (aus: Food, Inc.)

Den Double Cheeseburger gibt’s um 99c, um denselben Preis aber keinen Strunk Brokkoli. Der Film ist sehr sehenswert, aber man muss nicht soweit weg gehen, diese Argumente und Tatsachen gibt es auch hierzulande.

Das Hauptproblem lässt sich wohl in der amerikanisch-europäischen Landwirtschaftspolitik lokalisieren. Also dort, wo die Reichen der Welt zu Hause sind. Die Politik subventioniert “schlechte Kalorien”. Die Bauern – vor allem bei den “Snackkalorien” (Weizen, Mais, Sojabohnen) – werden finanziell stark gefördert. Dadurch werden Sie so sehr unterstützt, dass sehr oft viel zu viel produziert wird, was wesentlichen Einfluss auf den globalen Agrarhandel hat. “Ungesundes” wird billiger als “Gesundes”.

Schlimmer noch: USA, EU haben zu viel, also wird exportiert. Der Preis ist niedrig, denn durch die Subventionen der Politik konnte billig produziert werden. Der Preis ist oft niedriger als z.B. der heimische eines afrikanischen / asiatischen Bauerns. Und so importieren die Armen den Überschuss von den Reichen, leben an der Existenzgrenze, weil sich die eigene Landbewirtschaftung nicht mehr auszahlt.

“Was dabei vielleicht trotz des bisher Gesagten wohl immer noch überraschen wird, ist der Umstand, dass heute gerade in den reicheren Regionen mit dem Export von Nahrungsmitteln auch noch Geld verdient wird. Der globale Nahrungsmittelhandel weist insbesondere die industrialisierte Landwirtschaft in Nordamerika und Europa als Überschussproduzenten aus, während gerade jene Regionen, wo immer noch viele Menschen von der Landwirtschaft leben und die daher auf Exportchancen angewiesen wären, immer stärker in die Zwangslage geraten, Nahrungsmittel einführen zu müssen.
Es wäre daher naiv, den derzeitigen von Subventionen geprägten Agrarhandel für eine Hoffnung für die Armen zu halten. Vielmehr schädigt er deren Einkommensquellen und verursacht unnötige Kosten auch in den reicheren Regionen von Globo.” (aus: “Unser kleines Dorf”, S.74)

Quellen:
Titel Zitat Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter (
z.B. hier);
Buch “Unser Kleines Dorf” von Nussbaumer/Exenberger/Neuner im IMT Verlag in der 10. Auflage von 2010;
Film “We Feed The World” von Erwin Wagenhofer;
Film “Food, Inc.” von Robert Kenner 2008.

Meine Zucchini

Es scheint für uns selbstverständlich geworden zu sein, nicht nur uns selbst, sondern auch die Dinge, die wir im Alltag benutzen, anziehen oder essen immer fort von A nach B und nach C und D zu transportieren. Dabei werden rd. 20% der klimaschädlichen CO2-Emissionen durch den Transport von Lebensmitteln erzeugt.1

Wenn es um Gemüse geht, isst der typische Österreicher ohnehin nur Paradeiser, Paprika und Gurken, und natürlich das ganze Jahr über – ausschließlich! Es gibt diese Gemüsesorten hierzulande aber nur für eine sehr geringe Zeitspanne – im Sommer. Ausgeweitet wird die Zeit dann noch durch beheizte Glashäuser und der Rest ist Importware. Sehr, sehr oft aus Spanien, wo riesige Flächen mit Plastikgewächshäusern bebaut wurden, in denen das Gemüse wächst, das wir rund ums Jahr verfügbar haben müssen.

Jeder Mitteleuropäer kauft im Jahr durchschnittlich 10kg Gemüse aus Südspanien.  In Andalusien stehen 30.000 Gewächshäuser auf 35.000 Hektar Land (!), dort werden Wundergemüse gezogen, die das ganze Jahr gleich aussehen und nach demselben schmecken: nichts. Anstatt Erde im Boden wird dort Substrat in Kästen zum Pflanzen verwendet, das berechenbarer für die extra gezüchteten Kampfgemüsesorten ist.2 Kampf dem Preis! Zu Lasten der Umwelt, des Geschmacks, und last but not least:

“Am Rande der Ebene von El Ejido, wo die Gewächshäuser ein gigantisches Mosaik bilden, sieht man die Unterkünfte der Arbeitskräfte. Viele haben sich in alten Gewächshäusern eingerichtet [...]. Sie sind kaum größer als die Pritsche, die zum Schlafen darin steht.” 3

“In El Ejido selbst sind die Arbeitskräfte aus den Gewächshäusern nicht gern gesehen. Die Aussicht, eine Wohnung zu bekommen, ist äußerst gering.” 4

“Vor allem aus [...] Marokko kommen die Arbeiter [...]. Aber heute sind es auch immer mehr junge Männer aus dem Senegal, aus Mali und aus anderen westafrikanischen Ländern. Sie haben die Flucht vom Nachbarkontinent nach Europa geschafft und leben und arbeiten hier größtenteils illegal. Ihre Beschäftigung ohne Rentenbeiträge, Unfallschutz, Krankenversicherung ist natürlich kein Geheimnis, aber keine Firma in Andalusien muss sich deswegen verantworten. [...] Zu mächtig ist die landwirtschaftliche Lobby, denn die 15.000 Arbeitgeber in Andalusien tragen einen beträchtlichen Anteil zum spanischen Außenhandel bei.” 4

Bei uns gab’s heute Zucchini. Aber nicht eine aus den drei Millionen Tonnen Obst und Gemüse, die jährlich in Spanien produziert werden. Sondern eine, die wir heute selbst geerntet haben. Auf unserer Selbsternte-Parzelle am Feld eines Biobauern bei Wien – Garten für Großstädter sozusagen. Meine Zucchini hat gerade mal 17km zurückgelegt – von der Ernte bis in unsere Wiener Wohnung. Würde die Zucchini aus Andalusien direkt ins Auto steigen und bis zu mir nach Hause fahren, käme sie auf 2700km und das ist selbstverständlich exkl. Verladungsstationen, Lagerzwischenstopps, Verpackung, etc.

Eins noch zu guter Letzt, weil ich bei der Recherche darauf gestoßen bin: Es gibt Satellitenaufnahmen von besagter Region in Spanien von 1974 und von 2004. Seht selbst!

Quellen:
1)
bewusstkaufen.at, Lebensministerium, 21.06.11
2) We Feed The World, Erwin Wagenhofer, orange-press 2006, Seite 8; 18 ff.
3) We Feed The World, Erwin Wagenhofer, orange-press 2006, Seite 24
4) We Feed The World, Erwin Wagenhofer, orange-press 2006, Seite 25 f.

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